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Es folgt eine kleine Auswahl an internationalen Pressestimmen über Öztürk:

" Öztürk sagt, dass die gesamte islamische Tradition noch einmal neu im Lichte des Korans gesehen werden müsse... Eine Religion, die nur die Tradition weiterführt, darf man nicht als den Islam verstehen, mit einem solchen Verständnis schadet man allen Muslimen." (Alexandra Kemmerer; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. Juni 2000)

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" Öztürk veranschaulicht, dass man den Koran zeitgemäß und modern auslegen müsse. Die überzeitlichen Teile des Korans, die sich mit dem Glauben an sich beschäftigen, bleiben allzeit gültig. Doch alle anderen Teile des Korans müssen neu ausgelegt werden, und zwar indem die Zeit, die Gesellschaft, die Region sogar die klimatischen Verhältnisse berücksichtigt werden müssten." (Kemal Güler, Fränkische Nacht, Oktober 2000)

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" Der enorm populäre Theologe Yaþar Nuri Öztürk erobert die Türkei. Er ist überall anzutreffen. Er hat seit fast vier Jahrzehnten für türkische Tageszeitungen geschrieben. Der Mann, der schriftlich wie mündlich überaus überzeugend wirkt und der mit vielen Tausenden Menschen kommuniziert, ist nicht nur eine Medienpersönlichkeit. Er ist Dekan der Theologischen Fakultät in Istanbul und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher... Wer ist dieser neue religiöse Held? Öztürk hat eine unvoreingenommene Einstellung dem Islam gegenüber eingenommen. Im Gegensatz zu denen, die den politischen Islam unterstützen, teilt er die Gläubigen nicht in sogenannte "gläubige Muslime" und "säkulare Abtrünnige" ein. Woher kam eine solche Figur in der modernen Türkei?... Er erklärt, das Atatürk, den er einen wirklichen Revolutionär nennt, den Islam gerettet habe. Atatürk habe eine andere Dimension der Religion eingeführt, sie wieder zu dem Geist des Islam geführt, der in den Menschen und nicht in dem Staat leben müsse. Öztürk ist ein Mann, der den Islam sehr gut versteht. Für ihn sei der Unterschied zwischen dem Weltlichen und dem Religiösen ein Produkt des politischen Islam. Man kann Muslim sein und auch zur Welt gehören... Öztürk hat den Menschen zur Einsicht verholfen, dass das Weltliche und Religiöse nicht zwei Münzen sind, sondern zwei Seiten derselben Münze... Er schafft Raum für die Muslime, die sich mit dem traditionellen Islam identifizieren aber außerhalb des Rahmens des politischen Islam mit seiner anderen Tagesordnung stehen." (Margot Badran: Al-Ahram Weekly, 1.-7. Februar 2001)

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" Aus Quellen seiner Religion leitet er einen modernen Islam ab, der mit einer säkularen Demokratie kompatibel ist und der den Frauen, die unverschleiert bleiben sollen, die volle Gleichberechtigung zugesteht. Damit will er das Vakuum füllen, das die anti-religiöse Modernisierung Atatürks hinterlassen hatte... Öztürk selbst sieht sich als einen Erneuerer, wie ihn der Islam in jedem Jahrhundert kennt...Diese Aufgeschlossenheit ist Öztürk nicht in die Wiege gelegt worden...Sein Vater erzog ihn in Arabisch und Persisch. Zu Hause las er mystische Gedichte und theologische Standardwerke...Kein türkischer Theologe ist häufiger in Fernsehen aufgetreten wie Öztürk...". (Rainer Hermann; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Oktober 2002)

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" Professor Yaþar Nuri Öztürk ist ein berühmter Theologe, der die gleiche Anzahl von Anhängern wie Feinden hat. Er ist ein Pionier der Neugestaltung des Islam in der Türkei. Er ist einer, der sich den traditionellen religiösen Praktiken widersetzt und der auch zur Zielscheibe religiöser Kreise geworden ist. Öztürk hat über 30 Bücher verfasst, mehrere davon sind ins Englische, Deutsche und Persische übersetzt worden." (Turkish Daily News, 16. Februar 2003)

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" Yaþar Nuri Öztürk ist der bekannteste zeitgenössische Theologe der Türkei und der führende Theoretiker eines laizistisch reformierten Islams...". (Die Zeit, 20. Februar 2003)

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" Nach Ansicht von Öztürk sei Demokratie nicht durch Bomben machbar. Dieser Weg sei nicht menschenwürdig. Demokratie müsse von innen heraus aus den Gesellschaften kommen...Die einzige Möglichkeit, Demokratie in die islamische Welt einzuführen, dies unblutig und in Übereinstimmung mit dem Islam zu tun, sei das türkische laizistische Modell von Atatürk zu übernehmen, meinte Öztürk. Nach Ansicht von Öztürk hat der Westen aber einen Fehler gemacht, als er Atatürk als Islam-Gegner dargestellt habe, Die Folge sei, dass sich islamische Gesellschaften von dem Atatürk-Modell abschrecken lassen. Öztürk vertritt eine zeitgemäße Interpretation des Islam. Nach seiner Meinung ist der traditionelle Islam, der auf den Sitten und Gebräuchen des Nahen Osten fußt, nicht der wahre Islam, der im Koran festgehalten ist und durch Mohammed verkündet wurde. Dieser Islam sei modernisiert mit einer säkularen Demokratie vereinbar und biete den Frauen, die unverschleiert bleiben sollen, die volle Gleichberechtigung." (Godehard Uhlemann, Rheinische Post, 19. März 2003)

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" Öztürk zeigte die zwei Seiten des Islam auf. Die eine Seite ist der Islam im Koran und wird von Öztürk als der authentische Islam bezeichnet. Die andere Seite, die von Öztürk als der Pseudo-Islam bezeichnet wird, wurde am 11. September für die Weltbevölkerung offensichtlich..." (Silke Koppers, Westdeutsche Allgemeine, 25. März 2003)

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" Öztürk setzt sich für eine moderne und liberale Auslegung des Korans ein und fordert eine grundlegende Erneuerung des Islam. Sein Einfluß reicht von breiten Schichten in der Türkei bis zur türkischen Gemeinde in Deutschland. Er steht an der Spitze einer neuen Bewegung, die zwischen den religiösen Inhalten und den kulturellen Deutungen unterscheiden will. Damit erntet Öztürk viel Lob aber auch Kritik." (Meinhard Schmidt-Degenhard, ARD TV.)

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" Professor Öztürk ist in der Türkei der derzeit wohl populärste, aber auch umstrittenste Islamgelehrte... Vieles, was Muslime und natürlich Nichtmuslime mit dem Islam verbinden, sieht er als nichtkoranische Hinzufügung an, die von Menschen kommen... Anderen Religionen und Glaubensrichtungen gesteht er, im Gegensatz zu vielen islamischen Theologen, eine göttliche Wahrheit zu. Sein Hauptwerk 'Der Islam im Koran' gilt vielen als Grundstein einer 'Kur'an'a Dönüþ Hareketi: Bewegung der Rückkehr zum Koran'." ( Prof. Dr. Werner Arnold, Universität Heidelberg)


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" Der Koran duldet keinen Fanatismus und keinen Despotismus, und er kennt auch kein religiöses Monopol. Diese Thesen vertritt Professor Yaþar Nuri Öztürk, einer der profiliertesten Reformtheologen der Türkei." (Brücke. Das Magazin der Auslandsgesellschaft Nordrhein-Westfalen, Mai 2003)




 
20. Februar 2003
Der Koran fordert Demokratie

Der türkische Reformtheologe Yasar Nuri Öztürk entwickelt in einem Artikel für »DIE ZEIT« eine grundsätzlische Kritik am Islamismus. Denn schon Jahrhunderte vor der Französischen Revolution formulierte der wahre Islam die Grundlagen für Demokratie und Menschenrechte.

Die Zeit nach den Propheten
Der Koran fordert Demokratie
Wer islamische Despotien verteidigt, fälscht Gottes Wort

Wer über den Islam sprechen will, muß zunächst deutlich machen, was genau er darunter versteht. Muslime unterscheiden zwischen dem traditionellen Islam, der auf den Sitten und Gebräuchen des Nahen Ostens beruht, und dem wahren Islam, der im Koran festgehalten ist und durch den Propheten Mohammed verkündet wurde.
Bis heute übersieht der Westen diese Unterscheidung, die von den Muslimen selbst als Dilemma empfunden wird. Zumindest bis zum schrecklichen Terroranschlag am 11. September 2001 hat der Westen nur sein kurzfristiges politisches Kalkül im Blick gehabt und dieses Dilemma nicht gesehen.
Dabei stimmt es: Betrachten wir heute die islamischen Gesellschaften unter dem Aspekt »Demokratie« oder »Menschenrechte«, bietet sich kein sehr positives Bild. Besonders dem Nahen Osten, der Kernregion des Islams, kann in Fragen der Menschenrechte kein gutes Zeugnis ausgestellt werden. In diesen Ländern wird der Wert des Menschen verschleudert. Seine Vortrefflichkeit, seine Ehre, Freiheit und seine Rechte kommen nur noch in Gedichten, nur noch in der schöngeistigen und mystischen Literatur vor.
Die Zeitungen vom 17. Juni 2002 berichteten unter der Schlagzeile Reaktionäre Grausamkeit von einem unmenschlichen und unbegreiflichen Vorfall. Er ereignete sich in einem berühmten islamischen Land, in Saudi-Arabien: Als sich einige Frauen vor einem Gebäudebrand retten wollten und auf die Straße liefen, wurden sie von den Gewalttätern, die sich »Religionspolizisten« nennen, mit Schlägen zurückgejagt. Der Grund: Sie waren nicht verschleiert. Sie kamen alle ums Leben.
Grausame Taten wie diese, welche die Menschenwürde mißachten, prägen leider das Bild des Islams weltweit. Diejenigen, die Wissenschaft und Bildung achten, wissen allerdings, daß es im Islam eine innere Wahrheit gibt. Bedauerlicherweise hat das Sichtbare in Form des traditionellen Islams das Wahre aus dem Leben verdrängt, also den Islam des Korans.
In den islamischen Ländern wird der Mensch Regeln geopfert, die Tradition zu einem unantastbaren Tabu gemacht haben. Denn in diesen Ländern hat man das koranische Prinzip »Die Religion ist für den Menschen geschaffen« ins Gegenteil verkehrt. Es wurde daraus: »Der Mensch ist für die Religion geschaffen.«
Die islamischen Länder sind zwar von ihren früheren Kolonialherren unabhängig, aber nicht frei geworden. Die Unabhängigkeit nutzte lediglich den Despoten im Lande. Das Joch der Unterdrückung blieb bestehen und belastet die Menschen heute mehr denn je. Man vergaß, daß die Unabhängigkeit eines Landes durch die Freiheit des Individuums vervollständigt werden muß. Der einzige Weg dorthin ist die Installierung einer laizistischen Regierungsform. Die Methode »Demokratisierung durch Krieg«, welche die amerikanische Regierung im Irak anwenden will, ist dagegen weder menschenwürdig noch erfolgversprechend.
Die Veränderung kann nur aus der islamischen Welt selbst kommen. Wenn wir die tabuisierenden Traditionen und die vorsätzlichen Irrwege beiseite lassen und den Islam aus der Sicht seiner Hauptquelle, des Korans, betrachten, gibt es durchaus einen Silberstreif am Horizont. Dabei ist bemerkenswert, daß bei der Einführung der Werte des Korans im Leben, die für die Entwicklung der Menschheit notwendig sind, die westlichen, nichtmuslimischen Gesellschaften weiter fortgeschritten als die islamischen sind. Und auch dies ist eine Tatsache: Mit jedem Tag wird dieser Abstand zum Nachteil der islamischen Welt größer.
Die islamische Welt hat über Jahrhunderte ihr Schicksal nicht an Grundlagen und Prinzipien gebunden, sondern an Personen, die für unantastbar erklärt wurden. In der Terminologie des Korans bezeichnet man dies als schirk (Vielgötterei, Polytheismus). Es handelt sich also schlicht um Paganismus. Diese Ausrichtung mit fetischistischem Charakter macht die Menschen immer mehr zu Sklaven von Knochen, Fossilien und Grabstätten. Um so absurder wirkt es, daß die grundlegenden Werte, die der Koran im Leben des Menschen verwirklicht sehen möchte, in nichtislamischen Gesellschaften verwirklicht sind.
Der Islam der Traditionen, also der falsche Islam, hat alle islamischen Grundlagen und Werte, die den Menschenrechten und damit auch der Demokratie den Weg bahnen und sie stärken könnten, außer Kraft gesetzt. Diese Entwicklung begann, als die despotische Monarchie zur Religion erklärt wurde. Das System der monarchistischen Herrschaft aber wird im Koran als ein unzulängliches System der Ungerechtigkeit dargestellt (siehe hierzu Sure 27, Vers 34). Daß es dennoch die Oberhand gewann, wurde möglich, weil man den Laizismus in einen Gegensatz zur Religion stellte. Laizismus bedeutet aber nicht, wie viele annehmen, Religion und weltliche Angelegenheiten voneinander zu trennen. Laizismus heißt, die Legitimation der Herrschenden beziehungsweise Regierenden nicht auf Gott oder göttliches Recht zu gründen, sondern auf den Willen des Volkes. Daher halte ich es nicht für möglich, daß die islamischen Gesellschaften sich demokratisieren können, ohne sich eine wirklich laizistische Verfassung zu geben.
Der Koran verkündet, daß das Prophetentum abgeschlossen sei. Eine der grundlegenden Folgerungen daraus lautet: Das Zeitalter ist beendet, in dem die Völker von Personen geführt werden, die sich auf Gott berufen. Der Koran ist das einzige heilige Buch, das verkündet, daß die Theokratie aus dem Leben der Menschen weichen soll.
Diese Aussage des Korans ist die wichtigste Wahrheit, die in den islamischen Gesellschaften verschwiegen und versteckt wird. In den islamischen Ländern wird das ganze religiöse Leben so ausgerichtet, daß diese Wahrheit verborgen bleibt. Alle erdenklichen Maßnahmen und Anstrengungen werden unternommen, damit sich dieser Zustand nicht ändert. Diese Maßnahmen werden auch von jenen Westeuropäern unterstützt, die nicht wollen, daß sich in den islamischen Ländern die Zustände ändern.
Nach dem Verständnis des wahren Islams, der sich auf den Koran beruft, ist die Macht, ein Volk zu fuhren, ein rechtsstaatliches Gut. Dieses darf nicht für despotische Herrschaft mißbraucht werden. Nur die dürfen es an sich nehmen, die seiner würdig sind. Dieses Gut kann dem Einzelnen durch Wahlen anvertraut und - falls notwendig - auch wieder entzogen werden.
Diejenigen, die den Despotismus zur Religion erklären, fragen oft: »Warum Demokratie? Demokratie bedeutet Wille des Volkes. Welches Volk hat denn den Propheten Mohammed gewählt? Und warum überhaupt Wahlen?« Diesen Wortführern muß man entgegenhalten: »Den Propheten Mohammed hat Gott selbst berufen. Hat Gott auch die Könige, Sultane und Kaiser berufen? Hat Gott etwa Saddam, den Schah von Persien, Chomeini, Assad, Feisal und andere Könige und Herrscher berufen?«
Die Herrschenden täuschen das Volk und fragen: »Wenn eine Theokratie besteht, dann werdet ihr von Gott geführt. Wollt ihr euch darüber beschweren?«
 Und weil das Volk die wahren Grundlagen des Islams nicht kennt, kann es die folgenden Fragen nicht stellen: »Nur Propheten können eine Theokratie leiten. Aber wenn die Zeit der Propheten abgeschlossen ist, wie kann dann eine Theokratie fortgeführt werden? Seid ihr denn Propheten, daß ihr euch auf Gott beruft und uns regieren wollt?«
Nach dem Koran sollen sich die Regierenden und Herrschenden auf die Prinzipien der schura (das System der Beratung und Kontrolle) und bajat (den Gesellschaftsvertrag) stützen. Gott hat dem Propheten Mohammed, den er selbst gesandt hat, aufgetragen, sich auf diese beiden Prinzipien zu stützen.
Was der Koran über das Regieren und Herrschen sagt, ist klar und deutlich: Die Zeit nach dem Propheten Mohammed ist die Zeit der schura und bajat. Das heißt, an die Adresse der Herrschenden gerichtet: Ihr werdet das Volk führen und leiten, ihr werdet von den Menschen die Legitimation hierzu erhalten, ihr werdet gewählt werden. Und wenn das Volk euch abwählt, dann sollt ihr gehen.
Der wahre Islam spricht niemandem das Recht zu, ein Beauftragter, Stellvertreter oder Repräsentant Gottes zu sein. Einzig den Propheten steht es zu, im Namen Gottes zu sprechen und zu führen. Das Recht zur Führung eines Volkes kann nicht von Gott oder per Geburt erlangt werden, sondern nur vom Volk und durch Wahlen. Dies bezeichnet der Koran als bajat. Das mittels bajat erlangte Recht zur Führung eines Volkes wird mit dem schura genannten System der Beratung und Kontrolle vollzogen. Dieses System stellt sicher, daß die Führenden die Geführten und umgekehrt die Geführten die Führenden kontrollieren. Auf der Grundlage der schura kann das Volk, das über die Regierenden wacht, ihnen auch das Recht zur Herrschaft entziehen, falls es dies für notwendig erachtet.
Die koranische Entsprechung für das demokratische Verfahren ist also die schura. Weil sie im Koran erwähnt wird, konnte sie nicht völlig unterschlagen werden. Aber ihre Bedeutung wurde verzerrt wiedergegeben und so ausgeformt, daß sie dem traditionellen Islam ins Konzept paßte. Von den Despoten im Nahen Osten wurde die schura darauf reduziert, daß der König oder der Sultan sich einige Ratgeber zulegen solle. Der 1988 gestorbene islamische Gelehrte Fazlur Rahman sagt hierzu: »Schura, wie sie der Koran aufträgt, bedeutet nicht, daß jemand sich gelegentlich den Rat anderer einholt. Vielmehr bedeutet es wechselseitige Konsultation von Gleichberechtigten. Wer diese Konsultationen verweigert oder sie verzögert, weil sie angeblich nicht passen, ist ein Diktator, der im Widerspruch zum Islam steht.«
Nach dem Verständnis des Korans leitet sich die Berechtigung zur Leitung des Staates also nicht aus der Religion oder dem göttlichen Recht ab, sondern aus dem freien Willen des Volkes. Der größte islamische Denker des 20. Jahrhunderts, Mohammed Iqbal (1877 bis 1938), stützte sich auf diese Aussagen des Korans, als er verlangte, die Berechtigung, Normen und Gesetze aufzustellen, den Rechtsgelehrten zu entziehen und einem Parlament zu übertragen. Zu diesem Zweck solle das Prinzip der icma (des Konsenses innerhalb der islamischen Gemeinschaft) im Geiste des Islams modernisiert werden. Iqbal war überzeugt davon, daß Republik und parlamentarische Demokratie das Regierungssystem darstellen, das dem Geist des Islams am besten entspricht.
Der Koran entwickelte das Prinzip der bajat, also die Idee eines Gesellschaftsvertrags, viele Jahrhunderte vor der Französischen Revolution. Um zu regieren und zu herrschen, sollte mit jedem, egal, ob Mann oder Frau, ein Abkommen geschlossen und Einverständnis erzielt werden. Selbst dem Propheten Mohammed wurde aufgetragen, sich bei der Führung der Gemeinde vom gesamten Volk, auch von den Frauen, eine bajat einzuholen (Sure 60, Vers 12).
Die Prinzipien des Korans, die sich in Übereinstimmung mit der demokratischen Logik befinden, hat der amerikanische Nahost-Experte Leonard Binder in seinem Buch Islamic Liberalism folgendermaßen zusammengefaßt: »Erteilt Gott oder das Volk die Berechtigung zum Regieren? Diese Diskussion ist so gelöst worden: Die ursprüngliche Berechtigung kommt von Gott, aber sie wird über das Volk an bestimmte Personen übertragen. Daß die Berechtigung zur Machtausübung, deren Quelle Gott ist, über das Volk auf von ihm ausgewählte Führer übertragen wird, ist Demokratie.«
Im Kern heißt das: Gott, der allmächtige Herrscher, gab dem Menschen eine Legitimation zum Herrschen. Der Mensch benutzt diese Legitimation, indem er bestimmten Personen ein Mandat überträgt und dabei die Prinzipien der schürft und der bajat anwendet.
Der traditionelle religiöse Diskurs in den islamischen Ländern mißachtet die Wahrheit dieser grundlegenden Prinzipien. Der ägyptische Gelehrte Abu Said ist der Ansicht, daß die traditionellen Gelehrten dies nicht aus Unkenntnis tun, sondern um die Wahrheit bewußt zu verheimlichen.
Der Koran hat dem Menschen die Allmacht entzogen und an bestimmte Prinzipien und Leitlinien gebunden. Werte werden von Gott gegeben und von ihm verfügbar gemacht. Dem Koran zufolge ist der erste dieser Werte der Verstand. In Sure 10, Vers 100 heißt es: »Und Gott zürnt denen, die ihren Verstand nicht gebrauchen.« In die Rechtssprache der modernen Zelt übersetzt, heißt das: Die Herrschaft beruht auf den Prinzipien des universellen Rechts. Der Koran verweist immer wieder auf diese universellen Prinzipien.
Der Koran ruft dazu auf, den Verstand zu benutzen, und kritisiert, wenn Menschen sich wie eine Herde Vieh verhalten. Das Volk darf niemanden zu seinem Hirten machen und sollte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.
Ein wichtiger Teil der zeitgenössischen islamischen Intellektuellen begreift dies. Bisher üben diese Intellektuellen noch keinen großen Einfluß aus. Leider wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis sich daran etwas ändert.

Aus dem Türkischen von Nevfel Cumart




Weitere Informationen:
Yasar Nuri Öztürk, Nevfel Cumart (Übersetzung): 400 Fragen zum Islam - 400 Antworten

 
19. März 2003
Der türkische Weg - Vorbild für den Irak

In einem Interview mit der Rheinischen Post erläutert der bekannte türkische Reformtheologe Yasar Nuri Öztürk die Position der Türkei im Irak-Konflikt. Er sieht den laizistischen Staat als Vorbild für die arabischen Staaten. Öztürk ist seit November 2002 Abgeordneter der (sozialdemokratischen) CHP im türkischen Parlament, zuvor war er Dekan der theologischen Fakultät der Universität von Istanbul.

Der von US-Präsident Bush angekündigte Krieg gegen den Irak wird nach Ansicht des Dekans der Theologischen Fakultät der Universität Istanbul, Yasar Nuri Öztürk, tiefgreifende Veränderungen in der islamischen Welt hervorrufen. Diese Folgen werden aber auch die politische Entwicklung der gesamten übrigen Welt beeinflussen, meinte der Professor für Islamische Theologie in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Öztürk, der als Abgeordneter der Republikanischen Volkspartei (CHP) im Parlament in Ankara sitzt, glaubt nicht, daß die USA eine Bedrohung durch den Irak beseitigen wollen. »Den USA geht es um strategische Ziele, es geht im Grunde um eine Neuordnung im Nahen und Mittleren Ostens.« Öztürk glaubt, daß die USA kurzfristig Erfolg haben werden. Langfristig werde sich der Militärschlag aber zum Nachteil der USA auswirken.
    Zum einen stehe die Welt vor der Frage, ob sie eine Hegemonie Amerikas zulassen wolle oder nicht. Der Krieg gegen Saddam Hussein werde zu Verwerfungen in den islamischen Gesellschaften führen. So werde der Antiamerikanismus dort zunehmen, weil der Krieg in einem Kernland des Islam geführt werde. Außerdem werde die Gewalt anwachsen, neue Terrorwellen seien wahrscheinlich.
    Die von Bush angekündigte Demokratisierung islamischer Länder nach einem Krieg sieht Öztürk nicht. »Wenn die USA sich ernsthaft mit einem solchen Demokratisierungsgedanken tragen, dann müßten sie mit dem Feudal-System in Saudi-Arabien beginnen«, meinte der Professor, der auf Einladung der Auslandsgesellschaft NRW nach Deutschland gekommen war.
    Nach Ansicht von Öztürk sei Demokratie nicht durch Bomben machbar. Dieser Weg sei nicht menschenwürdig; Demokratie müsse von innen heraus aus den Gesellschaften kommen. Den USA warf er vor, sie hätten dazu beigetragen, daß Demokratieansätze und Demokratie-Befürworter in der islamischen Welt nicht gestärkt wurden, statt dessen aber Despoten. »Die USA haben jahrzehntelang anti-demokratische Staaten unterstützt, sie haben die Taliban in Afghanistan mitfinanziert, ebenso den heute gesuchten Terroristenchef Osama bin Laden. Im Übrigen haben dies europäische Staaten auch getan.«
    Die einzige Möglichkeit Demokratie in die islamische Welt einzuführen, dies unblutig und in Übereinstimmung mit dem Islam zu tun, sei das türkische laizistische Modell von Atatürk zu übernehmen, meinte der CHP-Abgeordnete. (Atatürk hatte 1923 die Türkei modernisiert und eine Trennung von Staat und Religion vollzogen.) Nach Ansicht von Öztürk hat der Westen aber einen Fehler gemacht, als er Atatürk als Islam-Gegner dargestellt habe. Die Folge sei, daß sich islamische Gesellschaften von dem Atatürk-Modell abschrecken lassen.
    Öztürk vertritt eine zeitgemäße Interpretation des Islam. Er unterscheidet zwischen dem traditionellen Islam, der auf den Sitten und Gebräuchen des Nahen Ostens fußt, und dem wahren Islam, der im Koran festgehalten ist und durch Mohammed verkündet wurde. Dieser Islam sei modernisiert mit einer säkularen Demokratie vereinbar. Er biete den Frauen, die unverschleiert bleiben sollen, die volle Gleichberechtigung. Die fünf täglichen Pflichtgebete für Muslime hätten heute keinen Sinn mehr, sie seien zur reinen Nostalgie und Folklore geworden, meint Öztürk. Der türkische islamistische Ministerpräsident Erdogan sei aber ein Vertreter des traditionellen Islam, der nicht durch den Koran bestätigt werde. Dies sei der falsche Islam.

Von Godehard Uhlemann



Weitere Informationen:
Yasar Nuri Öztürk, Nevfel Cumart (Übersetzung): 400 Fragen zum Islam - 400 Antworten
 

21. März 2003
Interview mit Yasar Nuri Öztürk in der Süddeutschen Zeitung

Yasar Nuri Öztürk, Jahrgang 1945, ist einer der bekanntesten islamischen Theologen der Türkei; er tritt für eine zeitgemäße Interpretation des Korans ein. Seit 2002 ist der Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Istanbul auch Abgeordneter der Republikanischen Volkspartei im türkischen Parlament.

»Dieser Krieg wird die Terroristen stärken«
Der islamische Theologe Yasar Öztürk über den künftigen Dialog mit dem Westen

SZ: Der Irak-Krieg wird das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt verschlechtern, heißt es. Warum? Saddam ist Nationalist und kein islamischer Herrscher.

Öztürk: Das stimmt, aber trotzdem wird der Krieg das Verhältnis verschlechtern, viele Menschen hier begreifen den Krieg als Demütigung, als Kolonisation. Wobei ich hoffe, daß die meisten Muslime unterscheiden werden zwischen den Ländern, die diesen Krieg wollten und jenen, die dagegen waren. Ich hoffe auch, daß der Westen diesen Krieg nicht als Religionskrieg wahrnimmt - der Krieg der Kulturen darf nicht Wirklichkeit werden.

SZ: Wird die Militärintervention den militanten Islamismus stärken?

Öztürk: Die Anschläge in New York und Washington hatten die gesamte Welt zusammengebracht - gegen den fundamentalistischen Terror. Daß dieser illegitime Krieg den Fundamentalismus bestärken und ermutigen wird, liegt auf der Hand, dafür werden die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten die Verantwortung übernehmen müssen. Ich fürchte, daß es wieder Anschläge wie den vom 11. September geben wird.

SZ: Was dazu führen wird, daß es im Westen heißt: Der Islam ist gewalttätig, antidemokratisch, unser Feind.

Öztürk: Die Muslime wie der Westen sollten endlich erkennen: Der heute in den moslemischen Ländern praktizierte Islam ist nicht der wahre Islam, der sich auf die Lehre des Korans und auf den Propheten Mohammed stützt. Er nennt sich zwar Islam. Er baut aber nicht auf den Lehren und Werten des Korans auf, sondern setzt sich aus orientalisch-arabischen Sitten und Gebräuchen zusammen. Dieser falsch verstandene Islam ist tatsächlich mit Demokratie und Menschenrechten nicht vereinbar. Der Islam, der sich am Kern des Korans orientiert, trug dagegen diese Werte schon vor der westlichen Aufklärung in sich. Der Westen muß diesen originären Islam verstehen und achten lernen.

SZ: Wie wird der Krieg die Türkei verändern?

Öztürk: Die heutige Regierung Erdogan, eine Regierung des politischen Islams, hat die eigenen Wähler getäuscht und unterstützt den Abwurf von Bomben auf eine muslimische Bevölkerung. Die Folgen werden sehr ernsthaft sein - der fundamentalistische Flügel der Regierungspartei wird Auftrieb erhalten.

SZ: Wie sollte der Dialog zwischen Christen und Muslimen, der islamischen Welt und dem Westen weitergehen?

Öztürk: Solange der Westen den traditionellen Islam des Orients mit dem wahren Islam verwechselt, wird es keinen dauerhaften Frieden geben. Dann helfen auch alle Demokratisierungsbemühungen nichts. Die Veränderung muß aus der islamischen Welt kommen. Dazu brauchen die Reformer Unterstützung, keinen Krieg, der die Gräben vertieft.

SZ: Ist das nicht illusionär?

Öztürk: Nein. Der wahre Islam ist eine Religion des Menschen, er kann mit und in jeder Gesellschaft in Frieden und Toleranz leben. Das wünschen auch die meisten Muslime. Aus gutem Grund jedoch wollen die Despoten des Orients den traditionellen Islam aufrechterhalten. So läßt sich ihr Despotismus zur heiligen Herrschaft erheben. Doch jeder, der sich zum Alleinherrscher erklärt und sich dabei auf den Islam beruft, lästert den Koran. Wer also einen stabilen und demokratischen Nahen und Mittleren Osten will, muß diesen koranischen Islam stützen; der falsche Islam wird keinen Frieden bringen. In Sure 10, Vers 100 heißt es: »Gott zürnt denen, die ihren Verstand nicht gebrauchen.« Das gilt in muslimischen Ländern wie im Westen.

Interview: Nevfel Cumart und Matthias Drobinski

Türkischer Star-Theologe gründet Partei

Bislang wollte Yasar Nuri Öztürk den Islam erneuern. Nun will er die regierenden Islamisten entmachten

Kürzlich sass Yasar Nuri Öztürk in einem türkischen Fernsehstudio und hielt eine landesweit übertragene Sprechstunde für Gläubige. Eine junge Frau aus dem Publikum erkundigte sich, ob sie als Muslima einem Mann die Hand geben dürfe. Öztürks Gesicht verfärbte sich dunkelrot, er schnaufte und blaffte: "Seit Jahrzehnten lehre ich, die Religion rational zu verstehen. Und da stellen Sie mir so eine dumme Frage? Natürlich dürfen Sie." Ein Handschlag verführe doch nicht zur Unzucht. Die Frau fragte nach, ob das unter Gelehrten mehrheitsfähig sei. Ja, entgegnete Öztürk. Die Aussöhnung von Ratio und Religion erobere immer die Mehrheit.

Darauf vertraut der 60jährige Öztürk stets. Ob als Fernsehseelsorger, bekanntester türkischer Theologe der Gegenwart - oder aktuell als Kontrahent von Ministerpräsident Tayyip Erdogan.

Am Donnerstag gründete Öztürk in Ankara eine Partei, mit der er bei der Parlamentswahl 2007 die islamistische Regierung stürzen will: die "Partei des Volksaufstiegs" ("halkin yükselisi partisi"). Deren Motto: "die Aussöhnung von Ratio und Religion".

Einerseits bejaht sie den religiös neutralen Staat, andererseits soll diese Neutralität gegenüber der Religion wohlwollender werden. Warum zum Beispiel sollten Studentinnen kein Kopftuch und Soldaten keinen Bart tragen?

Der Parteigründer will sich damit gleichermaßen von der areligiösen Oppositionspartei CHP wie von der islamistischen Regierungspartei AKP abgrenzen. Dieser Ausgleich von Religion und Republik, glaubt Öztürk, schließe eine politische Marktlücke: Die sozialdemokratische CHP sei erstarrt in Distanz zum Islam, die AKP dagegen heuchele Loyalität der säkularen Demokratie gegenüber, ihre Funktionäre seien aber meist radikale Islamisten.

Seit 20 Jahren bieten führende Politiker dem vormals ranghöchsten Theologen der Türkei politische Ämter an, doch nie ließ er sich darauf ein. Als Star-Gelehrter, Autor von 32 Büchern mit Millionenauflagen, als Zeitungskolumnist und Fernsehprominenter wähnte er sich an der richtigen Stelle. Die Menschen, dachte er, brauchen ein rationales Religionsverständnis, eine halbwegs rationale Republik haben sie ja schon. Selbst als 1996 der bekennende Fundamentalist Necmettin Erbakan Ministerpräsident wurde, fühlte sich Öztürk nicht zum Politiker berufen. Er vertraute - zu Recht - auf die Widerstandskraft des türkischen Militärs. Das änderte sich schlagartig, als der moderate Islamist Tayyip Erdogan 2001 in den Wahlkampf zog. Dieser Mann, erkannte Öztürk, war gefährlich, weil da ein Islamist "eine attraktive Botschaft verkündete: die religionsfreundliche, aber säkulare Demokratie" - worin Öztürk gewaltigen Etikettenschwindel erblickte. Prompt schloß er sich vor der Wahl 2002 den Sozialdemokraten an. Aber die CHP kam gerade mal über die Zehnprozenthürde, während die AKP eine Zweidrittelmehrheit gewann.

Bald zerstritt er sich mit den CHP-Granden. Er bemängelte, der Partei fehle das positive Verhältnis zum Islam. Und das sei ein parteipolitisches Todesurteil in der gegenwärtigen Türkei, weil es immer mehr fromme Türken gebe, die - noch - zum Lager der säkularen Demokraten zählten. Genau diese Menschen locke nun die streng islamische AKP, Öztürks eigentlicher Gegner, den er mit Feuereifer angreift: "Erdogan trägt ein Doppelgesicht", ist Öztürk überzeugt. "Er versucht unverändert, die Ziele des politischen Islams durchzusetzen." Die meisten AKP-Funktionäre stammten aus der Schule Erbakans, dem Paten des Fundamentalismus, und hätten sich nie davon distanziert. Deshalb sollten die Europäer Erdogan mißtrauen. Denn der erlaube sich genauso viel politischen Islam, wie die Europäer zuließen.

Allerdings hofft Öztürk, daß der große Konkurrent Erdogan bald im politischen Spagat zerrissen wird. Denn die Wünsche der islamistischen Parteifunktionäre seien unvereinbar mit den Anforderungen für einen EU-Beitritt. Erfülle Erdogan die Erwartungen der AKP-Funktionäre, verspiele er die Chance auf EU-Mitgliedschaft, erfülle er dagegen die Erwartungen der Europäer, werde die wütende Partei bald rebellieren.

Angesichts solcher Zwickmühlen frohlockt Öztürk, schließlich versteht er die AKP als Bedrohung seines theologischen Lebenswerkes - und das läßt sich kaum anders denn als Reformation bezeichnen. Schon mancher hat ihn deshalb den "Türken-Luther" genannt. Tatsächlich lehrt er echt lutherisch die "Rückkehr zum Koran", also die Schrift als einzigen Maßstab. Und permanent reizt er das gesamte traditionell islamische Establishment. So erklärte er alle islamischen Rechtsschulen zu unnötigem Ballast oder die letzten 800 Jahre Theologie für weitgehend vernunftfrei. Zudem wettert er gegen die Strenggläubigen, die sich gottgefällig wähnen, weil sie Schweinefleisch und Alkohol meiden, während sie ungerührt ihre Frauen versklaven.

Solche Provokation hat ihren Preis: Über Jahre wagte sich Öztürk nur mit Bodyguards und Waffe unterm Jackett auf die Straße. Aber so viele Todesdrohungen er auch bekommt, die Zahl seiner Verehrer ist größer. Wo der kleine muskulöse Mann mit der rauhen Stimme erscheint, umringen ihn sogleich Menschentrauben. Auf der Straße, ob in Istanbul oder Ankara, fallen ihm Großväter um den Hals, jubeln "Hodscha Hodscha", küssen seine Hand oder streicheln ihn, weil er sie zu Gott geführt habe. Und bei der kemalistischen Elite gilt er ohnehin als einer der ihren. Entscheidend für die Wahl in zwei Jahren dürfte aber die Resonanz beim einfachen Volk sein.

Und da zweifelt der Türkei-Experte Udo Steinbach vom Deutschen Orient-Institut, daß "sich Öztürks starke Fernsehprominenz in Wählerstimmen umrechnen läßt". Außerdem wolle Öztürk Erdogan sein Kernthema wegnehmen: die Harmonisierung von Religion und Politik. "Sollte das mißlingen", wovon Steinbach überzeugt ist, "wird das Scheitern des liberalen Moslems zu einem gewaltigen Stärkebeweis des konservativen Islam." Till-R. Stoldt

Artikel erschienen am 20. Februar 2005

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